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Bombernotlandung im Diepoldsauer Spitz - auf Gebiet der Gemeinde Kriessern - vor rund 60 Jahren leitete ein US-Bomber B-24 «Liberator» im Gaissauer Riet eine irrtümliche Notlandung ein. Kurz vor Kriegsende hatte sich im Diepoldsauer Spitz ein ähnlicher Fall ereignet - allerdings mit umgekehrten Vorzeichen.
Im Frühjahr 1945 näherte sich der Krieg in Europa unweigerlich seinem Ende. Das letzte Aufbäumen der deutschen Kriegsmaschinerie in der Ardennen-Offensive vom Dezember 1944 führte zu einem noch rücksichtsloseren alliierten Bombenkrieg und zu noch mehr unsäglichem Leid unter der Zivilbevölkerung. Trauriger Höhepunkt war Mitte Februar die totale Zerstörung des mit Flüchtlingen überfüllten Dresden Mitte. Die einstmals stolze deutsche Luftwaffe verfügte nur noch über wenig Treibstoff und kaum ausgebildete Piloten. So stellte denn der erste einsatzfähige Düsenjäger - die Messerschmitt Me-262 - keine grosse Bedrohung für die von Jägerpulks begleiteten amerikanischen Bomberverbände dar. Umso gefürchteter war die äusserst präzis schiessende deutsche Fliegerabwehr. Von dieser wurden im letzten Kriegsjahr mehr alliierte Flugzeuge vom Himmel geholt als von deutschen Jagdfliegern. Die VorahnungAm 25. Februar 1945 werden die Mannschaften der 96. Bombergruppe in England frühmorgens geweckt und nach einem reichlichen Frühstück auf ihren Einsatz vorbereitet. Das Ziel ist einmal mehr die bayrische Landeshauptstadt München. Der Funker Robert S. Shepherd hat schon einige Einsätze geflogen. Doch heute scheint er mit dem falschen Fuss aufgestanden zu sein. Leutnant, das wird heute ein schlimmer Tag, wendet er sich an den Bombenschützen Frank Bush. Falls es mich dieses Mal erwischt, soll jemand meine Freundin benachrichtigen. Solche durchaus ernst gemeinten Wünsche wurden immer wieder geäussert; vor allem, wenn das Zielgebiet als sehr gut verteidigt galt. Von Einsätzen über München und der sie schützenden Fliegerabwehr hörte man öfters den stehenden Ausdruck: «Flak so dicht, dass man darauf gehen konnte.» Doch Funker Shepherd hatte in der Vergangenheit nie etwas Ähnliches gesagt.Der Einsatz Frank Bush erinnert sich: Der Hinflug nach München verlief ruhig. Doch über dem Ziel brach die Hölle los. Die Flak sei so stark gewesen, dass sie die ganze Bomberformation aufgebrochen habe. Treffer erledigten zwei unserer vier Motoren und zerstörten einen Teil unseres Hydrauliksystems, aber auch den Funkraum, wo sich Funker Shepherd befand. Ihm wurde ein Bein abgerissen und zwei MG-Schützen wurden verletzt, der eine schwer, so Frank Bush. Derart angeschlagen seien sie zurück Richtung Westen geflogen. Die Landung Über dem Bodensee drehten wir nach Süden ab und hielten Ausschau nach einem geeigneten Notlandeplatz. In dem Zustand, in dem sich unsere Maschine befand, hätten wir es nie bis nach England oder auch nur ins befreite Frankreich geschafft, erinnert sich Frank Bush. Sie seien einem Flusslauf gefolgt. Als wir schon ziemlich tief waren, sahen wir unter uns eine ausreichend lange Wiese ohne Hindernisse. Dem Piloten gelang es, einen Kreis zu fliegen, um möglichst am Anfang der Wiese aufsetzen zu können. Glück im Unglück Zuerst schien es eine perfekte Notlandung zu werden. Doch dann touchierte die rechte Flügelspitze ein Hindernis. Frank Bush: Unsere B-17 drehte nach rechts und donnerte mit der Nase in den Damm. Wie sich später herausstellte, war dies unsere Rettung. Leicht benommen klettert Frank Bush aus der havarierten Maschine. Er wundert sich über ein aggressives Brummen und denkt zuerst an Bienen. Um diese Jahreszeit gibt es doch noch gar keine Bienen, überlegt er und realisiert, dass andererseits - Ende Februar - nirgends Schnee zu sehen ist. Schüsse!, ist sein zweiter Gedanke und erkennt gleichzeitig deutsche Soldaten, die auf den bruchgelandeten Riesenvogel zukommen. Anscheinend versuchen sie, die amerikanische Besatzung einzuschüchtern und zur Aufgabe zu bewegen - damit diese mit erhobenen Händen zu ihnen rüberkommen. Die RettungWegen akuter Brandgefahr müssen zuerst die beiden verwundeten MG-Schützen aus der Maschine geborgen werden. Diese Verzögerung rettet die Mannschaft vor der Gefangennahme durch die Deutschen. Angehörige des Schweizerischen Grenzschutzes haben inzwischen die Notlandestelle erreicht und stellen mit Befriedigung fest, dass die Fliegende Festung noch auf Schweizer Gebiet zum Stillstand gekommen ist. Mit der Menge der Schaulustigen kommen auch Leute des Sanitätsdienstes. Vom unerwarteten Ereignis überrascht, haben sie aber vergessen, ihre Bahre mitzunehmen. Deshalb können die beiden Verwundeten nicht abtransportiert werden, wie die Rheinische Volkszeitung am nächsten Tag vorwurfsvoll berichtet. Es vergeht eine weitere wertvolle Stunde, bis ein Arzt zur Stelle ist. Funker Shepherd ist anscheinend noch auf dem Flug seiner schweren Verletzung erlegen. Er wird auf dem alliierten Friedhof in Münsingen (BE) bestattet. Seine Freundin erfährt nicht von Frank Bush, sondern von den amerikanischen Behörden, dass ihr Freund im Einsatz über München gefallen ist.Nicht in Diepoldsau, sondern in Kriessern Obwohl durch den Rheindurchstich getrennt, gehörte der Diepoldsauer Spitz gebietsmässig zur Gemeinde Kriessern. Da am 16. März 1944 auch schon eine Maschine gleichen Typs im Gebiet Krummensee zwischen Widnau und Kriessern notgelandet war, darf sich die Gemeinde Kriessern rühmen: Sie ist die einzige Schweizer Ortsgemeinde ohne Flugplatz, auf deren Gebiet während des Zweiten Weltkrieges trotzdem zwei «Fliegende Festungen» gelandet waren. (mw)Notlandeplatz ist heute österreichisches GebietIm Rahmen einer allgemeinen Grenzbereinigung tauschten die Schweiz und Österreich Ende der 60er-Jahre ein Gebiet mit der Grösse von 16,1 Hektaren ab. Um die Gesamtfläche beider Staaten unverändert zu belassen, wurden unter anderem die beiden spitz zulaufenden Grenzzipfel des Diepoldsauer Durchstichs ab- geschnitten, sodass die Landesgrenze nun rechtwinklig auf die Grenze in der Flussmitte zuläuft. Hätte diese Grenzbereinigung nur gerade dreissig Jahre früher stattgefunden, so wäre das Flugzeug unweigerlich auf feindlichem Gebiet zum Stillstand gekommen, mit unabsehbaren Folgen für die Besatzung! Die Verpflegung und vor allem die medizinische Versorgung der Kriegsgefangenen in Deutschland war in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges kaum noch gewährleistet. (mw)Koordinaten absichtlich gefälscht?Alle Notlandungen und Abstürze ausländischer Flugzeuge in der Schweiz wurden akribisch protokolliert, insbesondere zur «Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen bei Landschaden». Militärisch genau wurden auch die Koordinaten des Unfallortes notiert. Im offiziellen Bericht, der im Bundesarchiv in Bern eingesehen werden kann, stehen die Koordinaten 765 300/248 600. Dieses Gebiet gehört aber heute immer noch zur Schweiz. Wie aus den vorliegenden Fotos ersichtlich ist, dürften die korrekten Zahlen eher bei 765 100/ 248 300 liegen. Ob diese kleine Korrektur absichtlich oder unabsichtlich auf einem Berner Bürotisch erfolgte, wäre auch für den Historiker der 96. Bombergruppe Geoff Ward von grossem Interesse. Die aussergewöhnliche Notlandung ist fotografisch gut dokumentiert, von offizieller wie auch von privater Seite. Wer von den Zeitungslesern noch über solche verfügt, ist gebeten, mit dem Verfasser Kontakt aufzunehmen. Eine weitere Ansprechperson ist der Bomberexperte Werner Schmitter in Widnau. Besonders interessant - weil auch von anderen Notlandestel len unbekannt - wären Fotos oder Berichte über den Abtransport des zerlegten Flugzeuges und den Verlad auf Eisenbahnwaggons, wahrscheinlich im Bahnhof Heerbrugg. (mw)Die Unberechenbarkeit des Schicksals Obwohl die B-24 Liberator, die am 9. Juni 1944 München bombardierte, «gefühlsmässig» auf der richtigen Seite des Grenzflusses Rhein (im Gaissauer Riet) niederging, geriet die unverletzte Besatzung in deutsche Kriegsgefangenschaft und überlebte auf diese Weise den Krieg. Die «Fliegende Festung» B-17, die mit grosser Luftüberlegenheit bei Kriegsende am 25. Februar 1945 nur mit halber Bombenlast - ein Teil der Ladung bestand aus Alustreifen zur Störung des feindlichen Radars - dasselbe Ziel angriff, hatte einen Toten und zwei Schwerverletzte mit an Bord. Das Flugzeug landete auf der «falschen» Seite des Rheins und doch noch auf Schweizer Boden; es wäre aber trotzdem in feindliche Hände gefallen, wenn dem Piloten die Notlandung vollständig gelungen wäre und die rechte Flügelspitze nicht den Damm touchiert hätte oder die Grenzbereinigung von 1970 dreissig Jahre früher stattgefunden hätte. (mw)
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