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Robert Heiniger berichtet

Das Erlebnis ist unlöschbar in meinem Gedächtnis geblieben. Ich war von verschiedenartigen Geschossen getroffen worden und konnte trotz meiner Verletzung die beschädigte Maschine in Dübendorf landen.

Trotz seinen Verletzungen konnte Oberleutnant Heiniger die beschädigte Maschine in Dübendorf landen. (417)

Die Staffel 7, der ich angehörte, war 1944 normalerweise in Interlaken stationiert. In diesen Tagen hatte sie jedoch mit einer Doppelpatrouille das Überwachungsgeschwader in Dübendorf abzulösen. Unsere Ausrüstung bestand aus Jagdeinsitzern des Typs Messerschmitt Bf 109E. Unglücklicherweise hatten wir ein paar Tage vorher unsere schwergepanzerten Bf 109G gegen die schwächeren und ungeschützten Bf 109E auswechseln müssen, weil am "Gustav", wie er allgemein genannt wurde, Änderungen vorgenommen werden mussten.

Der 5.September 1944 begann für uns wie jeder andere Einsatztag. Bei Tagesanbruch hatten wir mit unserer Doppelpatrouille auf dem Areal unmittelbar vor der Halle III in Dübendorf Stellung bezogen. Seit der Errichtung der zweiten Front in Frankreich hatten die Grenzverletzungen durch Einflüge fremder Flugzeuge erheblich zugenommen. Wir konnten uns tatsächlich nicht über Arbeitsmangel beklagen. Dass diese Einsätze meistens ohne Erfolg blieben, war hauptsächlich dem Faktor Zeit zuzuschreiben.

Um 9 Uhr erfolgte der erste Alarm, der aber gleich wieder abgeblasen wurde. Wann der nächste Alarm erfolgte, lässt sich nicht mehr genau feststellen, da dieser Flug in meiner Kontrolle nicht mehr aufgeführt ist. Jedenfalls waren die vier Flugzeuge sehr rasch in der Luft. Wir wurden gleich nach der Nordgrenze dirigiert. Schon kurz nach dem Start brach die Funkverbindung ab, ich möchte fast sagen, wie üblich. Eine weitere Zielangabe erübrigte sich aber in der Folge, da wir in der Gegend zwischen Bülach und Eglisau eine schwer beschädigte B-17 sichteten. Dies bedeutete für uns eine der üblichen Pfadfinderaufgaben. Sofort bezogen wir unsere Positionen. Eine Patrouille setzt sich vor das Flugzeug, um ihm den Weg nach Dübendorf zu weisen, während die andere dem Bomber in angemessenem Abstand folgte.

Was nun folgte, ist in meinem Gedächtnis unlöschbar haften geblieben. Als unser "Geleitzug" die Gegend des heutigen Flughafens Kloten erreicht hatte, sah ich plötzlich zu meiner Rechten ein Flugzeug in einer grossen Spirale brennend abstürzen. Da die Distanz zu gross war, konnte ich seine Identität nicht feststellen. Immerhin war mir klar, dass es sich um einen Jäger handeln musste. Bevor ich mir über die Ursachen dieses Absturzes Klarheit verschaffen konnte, erreichte mich das Unheil selber. Plötzlich wurde mein Flugzeug durcheinandergeschüttelt, es bäumte sich auf und legte sich leicht auf die linke Seite. Innert kürzester Zeit war die Kabine mit einem beissenden Rauch erfüllt, und beim rechten Fuss entwickelte sich ein kleines, weissglühendes Feuerchen: Phosphor!

Es war klar, ich war beschossen und von verschiedenartigen Geschossen getroffen worden. Zwischen meinen Füssen konnte ich ein Loch feststellen. Mein rechtes Hosenbein war zerfetzt. Ohne mich zu verletzen, war ein Brandgeschoss zwischen meinen Beinen explodiert. Gleichzeitig setzte der Motor aus. Meine Bf 109 war zum Segelflugzeug geworden. Weil der Angriff von unten her erfolgt war, glaubte ich zuerst an einen Beschuss vom Bomber her, doch wurde ich Sekunden später eines anderen belehrt. Von rechts oben, in einem Winkel von rund 45 Grad, suchte ein Mustang-Jäger eben seine Angriffsposition, um mich ein zweites Mal anzugreifen. Sobald er das Feuer eröffnete, drehte ich brüsk in einer engen Kurve gegen die Angriffsrichtung. So konnte ich der Garbe entgehen. Die Mustang sauste hinter mir durch und griff gleich nochmals an. Dies wiederholte sich im ganzen fünf Mal. Jedes Mal hatte ich das unwahrscheinliche Glück, der "Giesskanne" zu entgehen, sei es durch Manövrieren meines motorlosen Flugzeuges oder durch die lausige Schiesskunst meines Widersachers.

Mittlerweile kreiste eine zweite Mustang in überhöhter Position über dem Schauplatz. Warum dieses Flugzeug nicht ins Geschehen eingriff, wurde nie abgeklärt, möglicherweise hat der Pilot den Irrtum wohl erkannt, war aber nicht mehr in der Lage, seinen Kameraden von seinem für mich fatalen Vorhaben abzuhalten. Der Rest der Geschichte ist bald erzählt. Als wir uns Dübendorf näherten, verschwanden die beiden Jäger ebenso spurlos, wie sie gekommen waren, und ich konnte mein Flugzeug mit eingezogenem Fahrwerk auf dem Flugplatz Dübendorf landen. Durch den Aufprall schlug ich den Kopf trotz Schultergurte am Zielgerät an. Dies bewirkte zusammen mit einer leichten Rauchvergiftung einen kurzen Ausfall des Bewusstseins. Man holte mich sofort aus dem brennenden Flugzeug - der Brand konnte übrigens sofort gelöscht werden - und brachte mich ins Kantonsspital, wo nur äusserliche Verletzungen festgestellt wurden. Vier Tage später konnte ich das Spital wieder verlassen.

Was war eigentlich geschehen? Die B-17 war, übrigens das erste Mal bei solchen Einflügen, von zwei Jägern begleitet, die weit überhöht dem Bomber folgten. Als die Jäger feststellten, dass sich vier Bf 109 ihrem Schützling näherten, schritten sie zum Angriff, hatten sie doch bis an die Schweizer Grenze ständig deutsche Messerschmitts abzuwehren. Als Ziel hatten sie sich die nach-folgende Patrouille auserkoren, also diejenige von Oberleutnant Treu und mir. Jeder Amerikaner hat ein Flugzeug angegriffen. Dabei wurde Oberleutnant Treu tödlich getroffen und stürzte ab. Der erste Angriff auf mein Flugzeug schlug fehl, scheinbar hat der Mustang-Pilot zu kurz geschossen, so dass ich von alledem gar nichts gemerkt habe. Über Funk suchte man uns vom Boden aus zu warnen. Die Funkeinrichtung in der Bf 109 war auch bei Kriegsende noch so mangelhaft, dass man meistens im Kopfhörer nur ein unverständliches Quaken vernommen hatte. Als Kuriosum sei noch erwähnt, dass die führende Doppelpatrouille vom ganzen Zwischenfall überhaupt nichts gemerkt hat, was zu einem guten Teil ebenfalls auf das Konto Funk zu buchen ist. Es ist mit grosser Sicherheit anzunehmen, dass, hätten wir unsere "Gustav" gehabt, das Ganze nicht so tragisch geendet hätte, allein der gute Funk und hauptsächlich die massive Panzerung hätten uns wenigstens in dieser Hinsicht gleichziehen lassen. Bei der Absturzstelle von Oberleutnant Treu, zwischen Affoltern und dem Katzensee, wurde später von seinen Professoren und Kameraden der ETH ein Gedenkstein errichtet.
Nach dem Krieg versuchte ich, den Piloten, der mich ins Jenseits zu befördern suchte, über die amerikanische Gesandtschaft in Bern zu ermitteln, doch blieben diese Bemühungen ohne Erfolg.



 
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