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Augenzeugenbericht aus Dübendorf

Der erste Anbruch des Frühlings liegt in der Luft und die legitime Neugierde, die grossen Vögel, die unlängst in Dübendorf niedergegangen sind, einmals aus der Nähe anzusehen, lassen den Entschluss reifen, nach dem Flughafen hinauszufahren.

Eben setzt ein Liberator in Dübendorf zur Landung an. (139)

Eine B-17 vor der Flugplatzumzäunung. Über 100 Einschüsse wurden gezählt. (140)

Hochbetrieb am Samstag
Der zweite Angriff auf Friedrichshafen wurde der 44th Bomb Group zum Verhängnis. Kurz vor dem Bombenabwurf bemerkte der Formationsführer, dass unter ihnen eine andere Liberator-Einheit ebenfalls auf Zielanflug ging. Aus diesem Grunde musste die 44th Bomb Group einen Kreis über dem Bodensee beschreiben und erneut das Ziel anfliegen, mit der Folge, dass sich die Flab von Friedrichshafen seelenruhig auf diese im englischen Shipdham beheimatete Formation einschiessen konnte. Von den acht an diesem Tage vom Inventar der "Flying Eight-balls" gestrichenen Liberator konnten sich immerhin sechs in die Schweiz absetzen. Je eine Liberator stürzte in Fehraltorf, Dietschwil und Diessenhofen ab, der Rest konnte von der Fliegertruppe nach Dübendorf geleitet werden. Insgesamt suchten an diesem Tag sechzehn B-17 und B-24-Bomber Zuflucht in der Schweiz. Ein Rekord, welcher während des Krieges nie mehr überboten wurde. Mit neun während des Krieges internierten Liberator verlor die 44th Bomb Group mehr Maschinen in der Schweiz als jede andere amerikanische Einheit.

Augenzeugenbericht aus Dübendorf vom 18.3.1944
Der erste Anbruch des Frühlings liegt in der Luft und legitime Neugierde, die grossen Vögel, die unlängst in Dübendorf niedergegangen, einmal aus der Nähe anzusehen, lassen den Entschluss reifen, nach unserem Zürcher Flughafen hinauszufahren. Auf dem Bahnhof in Dübendorf begegne ich einer Gruppe Halbwüchsiger, die eifrig darüber diskutieren und wetten, ob heute wieder ein "hoher Besuch" zu erwarten sei. Mitlerweile gelange ich zu den Militärbauten des Flugplatzes und sehe zum erstenmal aus der Nähe zwei der parkierten amerikanischen Bomber, die sich wie Giganten neben unseren kleinen Jagflugzeugen ausnehmen. Die sichere Distanz zu den Objekten meiner Neugirde ist leider grösser als erwartet, und überdies haben sie Hauben auf wie Schlafmützen. Motoren und Geschützstände sind eingehüllt, und lassen durch ihre Konturen nur vermuten, was sich darunter verbirgt. Der Gedanke, wie sich ein solches Ungetüm wohl in der Luft ausnehmen könnte, lässte einen Rest ungestilltes Verlangen zurück. Vorn, auf der Überlandstrasse nach Uster, kann man einen Blick vor die Hallen tun, wo weitere drei Liberatorflugzeuge nebeneinander geparkt stehen. Eben will ich mich auf den Heimweg machen, da ertönt Fliegeralarm. Wie, denke ich, sollten die Buben doch recht behalten haben? Schon starten einige unserer Jagdflugzeuge, und es vergehen wenige Minuten, da kündigt verdächtg tiefes Motorengebrumm, das sich deutlich vom hellen Surren unserer Jagflugzeuge abhebt, die Ankunft eines fremden Gastes an. Wirklich zeigt er sich in grosser Höhe, durch seine Dimension deutlich erkennbar, aus nordwestlicher Richtung heranfliegend. Wie Mücken begleiten ihn zwei unserer Jäger. Ich postiere mich, um das Flugfeld besser überblicken und die Landung besser beobachten zu können, feldeinwärts auf erhöhtem Punkt. In grossen Kreisen zieht der Bomber mit seiner Begleitung um das Flugfeld. Aber ehe er zur Landung ansetzt, nimmt das Motorengebrumm aus grosser Höhe zu. Gleichzeitig fegt eine neue Staffel unserer Jäger über die Startbahn dahin, und es dröhnt und tost in den Lüften, dass man nicht mehr dem Ohr folgen kann, sondern mit dem Auge den ganzen Himmel absuchen muss. Wie wild gewordene Hummeln, aber doch sauber in Formation fliegend, kreuzen unsere Jäger über mir, bald hier, bald dort den Horizont schneidend und in der Ferne verschwindend.

Unterdessen setzt der erste Bomber zur Landung an. Im Tiefflug und scheinbar nur mit halber Kraft gleitet er hart vor mir vorüber. Wundervoll, diese massig-elegante Festung mit ihren vier Motoren und den mächtig ausgreifenden Flügeln - nein, furchterregend diese starrenden Mg-Läufe und der gleichsam aufgeschlitzte Bauch, dem eben noch die todbringende Last entfiel. Er hält gegen die Mitte des Flugfeldes, seine Räder reissen Schneefahnen auf, und schon steht er still. Noch laufen die Motoren, und schon sieht man die Mannschaft aus dem Rumpf herausklettern und sich im Laufschritt vom Flugzeug entfernen. Sie tragen einheitlich ihre khakibraunen Überkleider mit dem Fallschirm am Rücken, schweren Fliegerstiefeln und teilweise Sturzhelmen, und sie scheinen die Staatszugehörigkeit des Bodens, auf dem sie landeten, nicht zu kennen. Aber da fahren auch schon zwei unserer Automobile heran und nehmen sich der Mannschaft an. Nach einiger Zeit sieht man sie auf einem Camion dem Hallengebäude zufahren. Aber am Himmel hat sich inzwischen das Schauspiel verdichtet. Neue Jäger sind gestartet, und es sieht aus, wie wenn man ein Wespennest stört. Aber es ist Organisation und Zielbewusstheit in diesem für den Laien scheinbar wilden Arrivee. Denn die Jäger nehmen die Ankömmlinge - ich zähle sechs gleichzeitig in der Luft - in sicheres Geleit. Einer scheint noch nicht erfasst zu haben, dass er über neutralem Boden fliegt, denn er wendet sich, in grosser Höhe fliegend, ostwärts und schiesst hör- und sichtbar in den blauen Äther. Da fliegt auch schon einer, erschreckend tief, über meinen Kopf hinweg. Vor mir geht die elektrische Fahrleitung der Bahn Richtung Uster vorbei, und zwanzig Meter dahinter, auf der Überlandstrasse nach Uster, steht dichtgedrängt das Volk, das inzwischen durch das schon eine halbe Stunde dauernde Schauspiel zu Hunderten herbeigeeilt und geradelt ist.

Der Bomber senkt sich, streifft die parallel zur Fahrleitung der Bahn, aber etwas höher verlaufende Starkstromleitung. Ein Knall, grüne und rote Funken sprühen auf, und wie ein kleiner Feuerball bewegt sich etwas im Bruchteil einer Sekunde von der Leitung gegen die Strasse hin. Haarscharf scheidet der Bomber über die Leute hinweg, die bald zu einem Kneuel sich sammeln. Ein Unfall? Schon läuft ein Soldat querfeldein auf mich zu und berichtet, dass die abgerissene Fahrleitung einem den Schädel abgedeckt und einen anderen schwer verwundet habe. Noch steht das Volk auf der Strasse um den Toten und den Schwerverletzten, die an die Strassenböschung gelegt werden, und schon naht neues Unheil. Weitere Bomber setzen zur Landung an, aus allen Richtungen. Da rast auch schon einer, aus westlicher Richung anfliegend, über den Platz, gefährlich nahe an den Hallen vorbei, direkt auf die Strasse mit zuschauendem Volk zu. Er hat grosse Fahrt - es muss zu einem neuen Unglück kommen. Da zieht der Riese, schon auf dem Boden anrollend, die Räder ein, Schnee und Erde spritzen hoch auf, und mit einem Krachen rutscht der gewaltige Leib in die Strassenböschung, den Flügel knapp über die Köpfe der Menge schwingend, und bleibt sitzen. Ein Sanitätswagen kommt angefahren, um die Verunfallten zu bergen, und die rasch aufgebotene Ortswehr, verstärkt durch den Luftschutz, greift ein, um die Unfallstelle abzusperren. Sie haben mit ihrer Arbeit kaum begonnen, da naht ein weiterer Bomber, der sich wie der erste, ganz unverständlicherweise gerade die gefährliche Peripherie des riesigen Platzes ausgesucht hat. Wie behext folgt er der deutlich in den Schnee eingezeichneten Landespur seines Vorgängers, rast gegen die Menge und bleibt wie erwartet erst an der natürlichen Sperre der Strassenböschung liegen. Unter solchen Umständen ist die Lockung gering, die eigene Nase ganz vorn zu haben, und ich verlasse meinen überhöhten Standort nicht.

Dazu ist um so weniger Veranlassung, als das ungewöhnliche Schauspiel, dessen Augenzeuge ich so ganz unerwartet gewoden bin, sich noch keineswegs seinem Ende nähert. Immer noch zähle ich sechs Bomber in der Luft, und sechs sind ja schon gelandet. Abwechslungsweise wende ich mein Interesse dem Himmel und dann wieder dem Flugplatz zu, auf dem ein reges Hin und Her von Militärautos und Camions herrscht. Gelegentlich fährt auch der Sanitätswagen hinaus aufs Feld, verweilt kurz bei einem der Bomber, und kehrt dann mit seiner Fracht zurück. Und wieder braust eine Fliegende Festung (oder ist es ein Liberator, mit den grossen vertikalen Schwanzflossen?) über mich dahin. Die beiden Motoren rechts stehen still, und ich folge ihrem Flug, um die Landung genau zu verfolgen. Sie setzt nach mehrmaligem Kreisen in der Mitte des Platzes an und neigt sich vornüber, dass der mächtige Schwanz schräg nach oben sticht. Die Nase wühlt Schnee und Erde auf - wird es eine Rückenlandung geben? Nein, sie kommt zum Stehen und senkt mählich ihren Rumpf wieder auf den Boden. Und wieder das selbe Bild: Sekunden vergehen, und schon steht die Besatzung neben dem Riesen und wird von unseren Leuten in Gewahrsam genommen.

Ein Viertel vor vier zeigt die Uhr, bald zwei Stunden hat der Zyklopenspuk schon gedauert, und die letzte Maschine zieht fast träge drüben über Wangen ihre Bahn. Es ist - habe ich in der gemählich in mir aufsteigenden Erregung auch richtig gezählt? - die zwölfte Maschine. Wie wird sie wohl niedergehen? Die Frage ist kaum gestellt, da sehe ich auch schon eine weisse Rauchfahne sich an den Motor links aussen anhängen. Sollte das Ende gar noch eine dramatische Steigerung erfahren? Aber diese böse Fahne wird dünner und verschwindet. Dafür wird die Schaulust durch den Abwurf zweier grüner Leuchtsignale befriedigt, wohl die Ankündigung zum Landen. Die Landung dieses lezten Bombers erfolgt glatt. Aber inzwischen ist der vorletzte, direkt in Richtung des Hangars zum Landen ansetzend, auf unserer Blickachse herangebraust und knapp zwanzig Meter vor der Bretterverschalung, die die Starsse vom Flugplatz trennt, stehen geblieben.

Noch immer schwirren unsere Jäger in der Luft herum, während eine Besatzung nach der anderen auf kleinen Camions den Platz verlässt und ins nahe Offizierskasino übergeführt wird. Zu Tausenden liegen die Fahrräder der Neugierigen links und rechts der Strasse, und auf Bäumen und Zinnen hängt es wie Trauben. Strasse und Bahn Richtung Uster sind abgesperrt, und der Versuch, wenigstens die beiden "Böschungslander" drüben an der Strasse ganz aus der Nähe zu betrachten, scheitert an der Pflichterfüllung der wackeren Ortswehrsoldaten. Die Menschenmauer hat Meterdicke, und weitere Versuche , der Reporterpflicht bis zur Neige nachzukommen, bleiben vergeblich. So wende ich mich, während die Sirenen Endalarm verkünden, der Stadt zu. Noch nie habe ich den schaurigen Flügelschlag dieses Krieges so deutlich im Nacken gespürt wie an diesem denkwürdigen, mit der vollen Tragik und Dramatik unserer Zeit geladenen Nachmittag.




 
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