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Amerikaner in Wil

Wil ist in heller Aufregung. Ein fremdes Flugzeug ist in der Thurauebene gelandet.

Ein amerikanisches Bombergeschwader mit 50 Tagbombern des Typs Liberator startete am Freitag, 13. August 1943, pünktlich um 03.00 Uhr vom Luftwaffenstützpunkt Bengasi (Air Base Bengasi) Nordafrika mit dem Auftrag, den ersten Bombenangriff seit Kriegsbeginn bei vollem Tageslicht auszuführen. Ziel waren die Messerschmitt-Werke in Wiener Neustadt, etwa 45 km südlich von Wien gelegen, die zum Zeitpunkt von enormer Bedeutung waren, wurden doch monatlich bis zu 500 dieser gefürchteten Jagdflieger des Typs Messerschmitt Me 109 hergestellt, so dass der Ort zu den wichtigsten deutschen Rüstungszentren zählte.

Nach Zurücklegen von rund 1900 km überflogen sie in mittlerer Höhe die Flugzeugwerke und warfen in schneller Folge über 150 000 kg Dynamit mit fünffacher Sprengwirkung auf die Maschinenhallen. Montagehalle und die Hunderte von Flugzeugen. Die Fabrik brach unter heftigen Explosionen und ausgedehnten Bränden zusammen. Die Liberators wurden nicht, wie ursprünglich angenommen, von heftigen Flabfeuern empfangen, sondern die schwache Bodenabwehr und die wenigen deutschen Jagdflieder erweckten laut Staffelkommandant den Eindruck eines völligen Überraschungsangriffes. Einzig über Wien eröffnete die Flak (Fliegerabwehrkanonen) das Feuer auf den Bomberverband, der bis auf ein einziges Flugzeug wieder nach Bengasi zurückkehrte. Dieses Flugzeug war ein viermotoriger Bomber vom Typ Consolidated Liberator B-24 D mit dem Kennzeichen 24-0611, gebaut bei Buick Motor Division General Motors Corp., USA. Während des Überfliegens wurde durch Geschosse der rechte innere Motor (Einschläge am Motor und Tragfläche) beschädigt, so dass er stillgelegt werden musste. Da sich kurz darauf auch beim linken äusseren Aggregat Störungen einstellten, schien der Rückflug zum 1900 km entfernten Stützpunkt nicht mehr möglich.

Die angeschossene Maschine drehte vom Verband ab und versuchte sich unter grossem Einsatz des Piloten der Schweizer Grenze zu nähern. Mit stotternden Motoren und äusserst schwerer Navigation flog die B-24 entlang der Alpenkette durch das zum Deutschen Reich gehörende Österreich und tauchte bei Passo di Flingra im Engadin in unseren Luftraum ein. Der Weiterflug gestaltete sich in der Folge immer komplizierter, und der Pilot schien vollends die Orientierung verloren zu haben, als er über den Scalettapass nach Sargans und Grabs hinunter flog und wieder in Richtung Vorarlberg abdrehte. Nach diesem kurzen Irrflug dürften sie endlich den Bodensee gesichtet haben, denn sie schwenkten rasch ab, und der Wiedereinflug in schweizerisches Gebiet erfolgte via Langenargen bei Romanshorn. Durch das Motorendefekt geschädigte Flugzeug wurde darauf über Sulgen gesichtet, bevor es Kurs auf Uzwil nahm, wo es abermals gegen Westen abschwenkte und Will ansteuerte. Über der Stadt zog es eine grosse Schleife - über Stadtweiher, Bleicheplatz, flog es in östlicher Richtung über der heutigen St.Gallerstrasse, sichtete dabei rechts unten die Thurauebene, bog über Zuzwil wieder ab und setzte, aus Osten kommen, nach 13stündiger Flugdauer um zirka 16.20 Uhr auf dem Flugplatz Thurau zur Notlandung an. Die Luftschutz-Organisation Will löste darauf um 16.18 Uhr den Fliegeralarm aus; der Endalarm erfolgte um 16.45 Uhr.

Der Pilot hatte sichtlich Mühe, noch zu kurven und gab, nachdem er sich zwangsläufig zur Notlandung entschlossen hatte, der Besatzung den Befehl, die losen Teile über Bord zu werfen. Andreas Kneer sah den Bomber in geringer Höhe die Schlosserei Vollmar beim Altersheim "Sonnenhof" überfliegen, ein Motor rauchend und eine Mann der Besatzung an der offenen Seitentür herabblickend. Mit ausgefahrenem Fahrwerk steuerte der junge Pilot der Thurauebene zu und brachte die havarierte Maschine nach einer Rollstrecke von 620 m zum Stehen. Tief eingegraben im Ackerfeld waren Fahrgestell und Räder, aber die zehnköpfige, junge Besatzung konnte unverletzt dem Rumpf entsteigen. In der Annahme, die Landung sei auf deutschem Gebiet erfolgt, zündeten sie, kaum festen boden unter den Füssen, durch Bewerfen mit Spezialhandgranaten das Flugzeug an. Während der mächtige, viermotorige Bomber langsam in Flammen aufging und die noch vorhandene Munition im Innern ein viertelstündiges, wildes Geknatter verursachte, verschwand die Besatzung im nahen Gebüsch. Die in der Nähe arbeitenden Bauern kümmerten sich kaum um den Brand, aber als der Flugkapitän fragte: "Germany?" und der Bauer den Kopf schüttelte und antwortete: "Schweiz", stiess er einen lauten Pfiff aus, da kamen sie wieder aus ihrem Versteck hervor. Kurz nach Auslösung des Fliegeralarms erschienen auch Luftschutzleute und klärten die Amerikaner offiziell über ihren Standort auf. Sie zeigten sich hoch erfreut, als es sich bestätigte, dass sie in der Schweiz gelandet seien, denn für sie war der Krieg zu Ende, nicht als Kriegsgefangene, sondern als Internierte. Gott sei gepriesen für den goldenen Schweizer boden. Die 23 Meter lange B-24 brannte total aus. Die restlichen Trümmer wurden von Luftschutztruppen mit Schaum überzogen und Tag und Nacht bewacht.

Einige Tage später transportierten die Männer das zerlegte Wrack mittels Lastwagen zur Wiler Bahnstation, und auf dem Schienenweg ging es weiter nach Dübendorf, um es auf dem dortigen Militärflugplatz zu deponieren. Die Besatzung, die übrigens gut mit Proviant versehen war, war sich einig, dass sie ihr Leben der sturmerprobten Geduld ihres Piloten Alva Jack Geron, der mit 1.92 m eine hünenhafte Gestalt mitbrachte, zu verdanken hatten. In Windeseile bereitete sich nun in der Stadt und näheren Umgebung die Nachricht von der Landung eines fremden Flugzeuges in der Thurau aus. Was Beine hatte, sprang los oder schwang sich auf seinen verrosteten Stahlesel, um möglichst als Erster an der mutmasslichen Landestelle einzutreffen. Endlich war es eingetroffen, das grosse Ereignis, dass man noch den Kindern und Kindeskindern an den langen Winterabenden am warmen Kamin erzählen konnte. Als gelte es, dem Leibhaftigen zu entfliehen, kamen sie gesprungen, alt und jung, Männlein und Weiblein, und alle bestaunten sie den sonderbaren Vogel, der aus einer anderen Welt zu kommen schien. Und erst die Männer mit ihrer unverständlichen Sprache! Sie wurden bestaunt wie anno 1519 Hernando Cortez bei seiner Landung in Mexiko - nur sahen die Wiler in den Fliegern keine Halbgötter, sondern zehn junge Amerikaner, von denen der älteste 27 und der jüngste 20 Lenze zählte. Alles also blutjunge Kerle, diese vier Offiziere, vier Unteroffiziere, nebst einen Ingenieur und einem Bordfunker. Vielfach bestand die Besatzung einer Liberator aus elf Mitgliedern - aber der elfte Mann war nirgends aufzufinden - ausser seinen zwei Effektensäcken. Nachdem das Kapital "Notlandung in der Thurau" von Militär und Luftschutz geordnet war, verliessen die amerikanischen "Besucher" einige Tage später unsere Aebtestadt in Richtung Zürich, um irgendwo interniert zu werden. Somit wäre das markanteste Kriegsereignis auf Wiler Boden abgeschlossen - aber die Landung hatte noch ein kleines Nachspiel!

Vier wackere Landwirte meldeten nämlich kurz darauf Kulturschäden an Wies- und Ackerland in der Gesamthöhe von 142 Franken an. Nach diversem Briefwechsel erklärte sich die Direktion der eidgenössischen Finanzverwaltung zu lasten des Kriegswirtschaftskontos (Neutralitätsverletzungs-Schäden) bereit, 40 Prozent = CHF 56.80 zu übernehmen, unter der Voraussetzung, dass der Kanton St.Gallen einen gleich hohen Betrag leiste - was er auch tat. Die restlichen CHF 28.40 hat die Gemeinde Will übernommen und den nun zufrieden gestellten Bauern Ende des Jahres 1943 ausbezahlt. Somit war der Frieden hergestellt, der alte Flugplatz kam unerwartet zu hohen Ehren und Wil hatte Gesprächsstoff bis in unsere Zeit hinein.



 
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